Andrea Kersten

Landtagsabgeordnete für Sachsen

Wie patriotisch sollte eine Nationalmannschaft sein?

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Es ist überall zu sehen und zu hören – Europa ist im Fußball-Fieber. 24 Mannschaften aus ganz Europa vertreten in Frankreich den sportlichen Ehrgeiz ihrer Heimat (oder der Nation, in deren Kader sie es geschafft haben). Millionen Menschen sitzen gebannt vor Leinwänden und Bildschirmen und drücken die Daumen. Eines steht jetzt schon fest: Egal, welche Mannschaft am Ende den Pokal in den Händen hält – nicht die Mannschaft wird Europameister, nein, das ganze Volk gleich mit.

Als die deutsche Nationalself 2014 als Sieger der WM in Brasilien vom Platz ging, waren wir plötzlich alle „Weltmeister“. Für einen kurzen Augenblick galt es nicht einmal als unschick, stolz auf Deutschland zu sein. Schließlich hatten wir ja den Pokal gewonnen.

Überhaupt, in Zeiten sportlicher Großereignisse scheint der in Deutschland häufig verpönte „Patriotismus“ stets eine Renaissance zu erleben. Auch wenn es einigen Vertretern der Grünen nicht gefallen mag: Zur EM erstrahlt Deutschland in Schwarz-Rot-Gold. Und das ist gut so. Zur Fußball-Meisterschaft schallt die deutsche Nationalhymne aus allen Fenstern und sogar der Bundesadler wird als „Deko-Element“ hervorgekramt.

Auf dem Platz ist man hinsichtlich der Nationalhymne im Übrigen geteilter Meinung. Lukas Podolski, Mesut Özil, Sami Khedira und Jérôme Boateng singen nicht mit. Ob es mit der Konzentration vor dem Spiel zu tun hat oder persönliche Gründe dem gegenüberstehen bleibt offen.

Um Missverständnissen an dieser Stelle vorzubeugen: Ob ein Nationalspieler einen Migrationshintergrund hat oder nicht, sollte, besonders im Sport, selbstverständlich keine Rolle spielen. Zumal die weitaus meisten Nationalspieler, unabhängig ihrer Wurzeln, in Deutschland aufgewachsen sind. Von mir aus können die Herren auch allesamt in meine Nachbarschaft ziehen, das ist nicht die Frage.

Die Frage, die sich stellt, ist eine andere. Wenn ein Spieler Deutschland in einem Turnier vertritt, wie deutsch sollte er sich fühlen? Ist es nicht eine Doppelmoral, wenn wir Spielern zujubeln, die sich mit unserer Nation über den Sport hinaus vielleicht gar nicht wirklich verbunden fühlen?

Bereits 2012 schrieb die Zeit „Dass Klose mit Lukas Podolski auf dem Platz polnisch spricht, wissen nur Fußballfans. „.

Das ist interessant. Zwei Männer, die sich selbst zumindest zu einem großen Teil als Polen sehen, gewinnen für Deutschland einen Wettbewerb und schaffen es damit in die Liga der „Großen Deutschen“. Wenn nur Mannschaften gegeneinander antreten würden, wäre das kein Problem. Aber es ist genau die Identifikation der Völker mit „ihren Mannschaften“, die das Ganze so seltsam wirken lässt.

Ich bin dafür, dass nur Spieler in den Kader einer Mannschaft aufgenommen werden, die sich mit dem Land, welches sie vertreten, auch uneingeschränkt verbunden fühlen. Und diese Verbundenheit drückt sich ganz besonders durch das Singen der Nationalhymne aus. Im Übrigen steht natürlich jedem Sportler frei, Mitglied einer Nationalmannschaft sein zu wollen oder nicht. Wenn aber, dann mit mit ganzem Herzen.

Irgendwie ist es ja auch ganz schön, wenn, zumindest für eine Weile, aus den Bewohnern unserer Staatsgrenzen wieder eine Gemeinschaft wird. Nach der EM ist mit dem Patriotismus ja ohnehin ganz schnell wieder Schluss. Man möchte ja nicht als Rechtspopulist dastehen. Oder gar als Nationalist.