Tatort Chemnitz

Tatort Chemnitz Andrea Kersten Bürgerbewegung Blaue Wende

Wieder einmal ist Sachsen das Zentrum der medialen Berichterstattung.

Erst vergangene Woche bestimmte eine polizeiliche Maßnahme gegen ein ZDF-Fernsehteam, welche die Kameraleute 45 min. vom Arbeiten abhielt, die Presseberichte aller Medien der Republik eine ganze Woche lang. Vorausgegangen war eine unangenehm laute, verbale Aufforderung eines Pegida-Demonstranten in Richtung des Kamerateams des ZDF, ihn  nicht zu filmen. Das Fernsehteam wurde dabei nicht berührt oder angegriffen, noch kam es zu irgendwelchen Sachschäden. Doch allein die Tatsache, dass das Fernsehteam 45 min. nicht arbeiten konnte, war für die bundesrepublikanische Medienwelt Anlass genug, zu hinterfragen, ob in Sachsen noch die Pressefreiheit garantiert und die sächsische Polizei über diese überhaupt informiert sei.

Vorgestern nun der Vorfall in Chemnitz.

Am Rande des Chemnitzer Stadtfestes wird in der Nacht von Samstag auf Sonntag ein junger Mann erstochen. Vorausgegangen sein soll ein Streit. Weil die Täter vermutlich Ausländer sind, kommt es tags darauf zu Spontandemonstrationen in der Chemnitzer Innenstadt. Rufe wie „Die Stadt gehört uns!“ sind zu hören.

Und wieder bestimmt Sachsen die mediale Berichterstattung der Bundesrepublik. Und ich vermute ganz stark, dass auch diese Berichterstattung mindestens eine Woche andauern wird.

Wer jetzt aber glaubt, dass es in der Medienwelt um das Opfer geht, um die schändliche Mordtat, warum es dazu kommen konnte, wer so etwas tut, um Beileidsbekundungen, Aufrufe zu Trauerveranstaltungen oder Spendenaufrufe für die Familie des Opfers, der irrt gewaltig. Es wird mitnichten gefragt, was das für Menschen sind, die eine solche Tat begehen; die ein Messer auf ein Stadtfest mitnehmen, aber nicht, um damit eine Bratwurst zu teilen oder einen Apfel zu schälen, sondern dieses in einen anderen Menschen hineinstechen. Einfach so. Hemmungslos, sinnlos, jede Menschlichkeit ablegend.

Ein Mensch ist tot. Das einzige Leben, dass dieser junge Mann hatte, vorbei.

Über diese grausame Tat -das warum, wieso, weshalb- wird nicht debattiert und diskutiert, allenfalls am Rande berichtet. Stattdessen werden die Presseberichte von den Demonstrationen, die auch lautstark und emotional sind, dominiert.

Der Regierungssprecher der Kanzlerin meint, solche „Aufmärsche“ gehören nicht in unsere Städte, das werde man nicht zulassen, der Ministerpräsident Sachsens, Herr Kretschmer,  nennt diese widerlich, Herr Wöller, der Innenminister Sachsens, distanziert sich aufs Schärfste und auch für die Oberbürgermeisterin der Stadt Chemnitz, Barbara Ludwig, sind die Demonstrationen schlimm. Nur wenige Worte zum Opfer, darüber, wie schlimm diese Tat ist, darüber, dass solche Gräueltaten nicht in unsere Städte, nicht zu Sachsen gehören, dass man das nicht zulassen werde.

Um es klar zu sagen: Jede Form von Gewalt und Extremismus auf diesen Demonstrationen ist aufs Schärfste zu verurteilen und der absolut falsche Weg, um politisch Stellung zu beziehen.

Was läuft schief in unserer Gesellschaft, in der die Folgen einer Tat schlimmer sind als die Tat selber, in der eine bestimmte Gesinnung schlimmer ist als ein Mord, in der es wichtiger erscheint, darüber zu berichten, dass ein Kamerateam 45 min. nicht arbeiten konnte als über die Hintergründe eines brutalen Verbrechens an einem jungen Mann?

Neben Schlagzeilen in Online-Medien wie „Rechte jagen Menschen in Chemnitz“ vermisse ich Schlagzeilen wie: „Andere töten Menschen in Chemnitz!“

Mein tiefstes Mitgefühl gilt in diesen schweren Tagen den Hinterbliebenen des Opfers.